Über unsere Veranstaltung

In Zukunft wird der Blog dazu dienen, einige Veranstaltungshinweise zum Thema "Arabische UmBrüche" weiterzuleiten. Der Schwerpunkt liegt dabei einerseits auf Veranstaltungen in Leipzig und andererseits auf internationale und nationale Konferenzen.


Die Vortragsreihe im Wintersemester 2011/12.

Jeden Mittwoch von 19.00-21.00 Uhr im Hörsaal 11, Hörsaalgebäude, Universitätsstraße 3, Leipzig.

Über die Vortragsreihe: Politische UmBrüche in der arabisch-islamischen Welt

Ausgehend von der sogenannten „Jasmin-Revolution“ in Tunesien setzte der Ruf nach Freiheit in der arabisch-islamischen Welt eine revolutionäre Dynamik in Gang: die Macht der Bevölkerungen gegen das Gewaltmonopol der Autokratien, die hierauf in unterschiedlicher Weise reagier(t)en.

Vor dem Hintergrund von Fragestellungen nach sozialen, politischen und ökonomischen Zielen und Wirkungen dieser Freiheits- und Demokratiebewegungen und der sie umgebenden Gesellschaften in der Gegenwart und Zukunft veranstaltet das Orientalische Institut der Universität Leipzig gemeinsam mit dem eurient e.V. im Wintersemester 2011/12 eine Ringvorlesung. Diese ist nicht als reine Informationsveranstaltung konzipiert, sondern soll vielmehr als Forum dienen, in dessen Rahmen namhafte ForscherInnen und NachwuchswissenschaftlerInnen sowie ein interessiertes Publikum über die aktuellen Entwicklungen debattieren können.

Die Ringvorlesung war eine erfolgreiche, informative und spannende Vortragsreihe zu den aktuellen Ereignissen in der arabischen Welt.

Wir danken allen Kooperationspartnern und Förderern für die freundliche Unterstützung und nicht zuletzt den Referenten sowie dem Publikum für ihre Anregungen und die Teilnahme an den Veranstaltungen.

Dienstag, 20. Dezember 2011

Neuerscheinung: Tunesien als islamische Demokratie? Rāšid al-Ġannūšī und die Zeit nach der Revolution

Menno Preuschaft, der im Rahmen unserer Ringvorlesung einen spannenden und tiefgreifenden Vortrag hielt, veröffentlicht ein Buch zu diesem Thema: In Tunesien als islamische Demokratie? befasst sich der Autor mit den Demokratie-, Menschen- und Bürgerrechtskonzeptionen Ġannūšīs und weist auf Implikationen für die politische Landschaft des Landes hin. Besondere Berücksichtigung erfährt die Frage nach dem Umgang mit Minderheiten, die der Autor als Nagelprobe für das demokratische Bekenntnis Ġannūšīs ausmacht.

http://www.waxmann.com/preuschaft


Donnerstag, 15. Dezember 2011

Der Vortrag von Dr. Hecker über die Rolle der Türkei beim Arabischen Frühling zum Nachlesen

Die […] Ringvorlesung „UmBrüche in der arabisch-islamischen Welt – Frühling oder Eiszeit?“ hatte am 30.11. Dr. Pierre Hecker von der Universität Marburg zu Gast, der sich in seinem Vortrag der Rolle widmete, die die Türkei im arabischen Frühling spielt. Die Bereiche der türkischen Gesellschaft, die von den Geschehnissen im Nahen Osten beeinflusst werden, sind vielfältig: eine bereits bestehende Frauenbewegung macht sich die Forderungen nach Freiheit in anderen Ländern zu eigen; die kurdische Minderheit im Osten der Türkei ruft nach einem „kurdischen Frühling“; die ältere türkische Staatsideologie des Kemalismus wittert durch die Revolutionen neuen Auftrieb. Doch Hecker wählt für seinen Vortrag die ihm am bedeutendsten scheinende Perspektive der türkischen Außenpolitik. Zunächst gibt er einen historischen Überblick: Auf den Trümmern des Osmanischen Reichs entstand 1923 nach einem Befreiungskrieg die türkische Republik; im Kalten Krieg fungierte sie als ein Bollwerk gegen den Kommunismus in der gesamten Region, woraus sich eine entsprechend enge Westbindung ergab; nach Ende des Kalten Krieges folgte eine Phase des selbstgewählten Isolationismus, während im Land islamistische Kräfte langsam an Boden gewannen; heute schließlich befindet sich die Türkei, wie ein Zuhörer in der Diskussion formulierte, zwischen 100 Stühlen. Grundzug der Regierungspartei AKP ist die Ansicht, der Islam ließe sich mit einer modernen säkularen Demokratie vereinen. Dem entspricht die Selbstpräsentation der Türkei als Vorbild für die neuen Demokratien in Libyien und Ägypten. Vieles an diesem Bild ist jedoch fraglich: Ist die Türkei wirklich ein Beispiel für eine Demokratie nach westlichem Vorbild? Hecker gibt Beispiele für Verhaftungen Andersdenkender, vor allem kurz vor Wahlen und zitiert den Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan (allerdings aus den Neunzigerjahren), dass die Demokratie wie ein Bus sei, aus dem man aussteigen könne, sobald man seine Ziele erreicht habe. Aber auch die andere Seite der Selbstpräsentation der Türkei als eine islamische Demokratie steht, zumindest bei den sich neu entwickelnden nahöstlichen Demokratien, in Frage. So stieß Erdoğan bei seinen Besuchen in Libyen und Ägypten im September auf Unverständnis, als er den Anwesenden einen laizistischen Staat anempfahl. Einflussreiche Kräfte wie die ägyptische Muslimbruderschaft können sich offenbar doch nicht ohne Weiteres mit dem Weg der Türkei identifizieren.

Alles in allem wirft die Politik der Türkei, der regierenden AKP und insbesondere Recep Tayyip Erdoğans mehr Fragen auf, als sie zu beantworten in der Lage ist. Diese Uneindeutigkeit legt den Schluss nahe, dass die Außenpolitik der Türkei eine Machtpolitik im Dienste von Personen und Parteien, nicht Idealen, ist. Ob diese Politik der Entwicklung im Nahen Osten auf Dauer mehr schadet als nützt, muss die Zukunft zeigen.


Tom Kaden

Literaturnachtrag zum Vortrag über Ägypten und die Islamisten am 14.12.2011

Hier zwei Literaturhinweise zur Ergänzung zum gestrigen Vortrag...

1. Ein Artikel des Referenten Walid Abd al-Gawad das Friedenspotenzial des Islams betreffend in dem Buch von Weber, Hermann: Globale Mächte und Gewalten - wer steuert die Welt?

2. Ein Bericht von Amnesty International über die Menschenrechte in Ägypten seit der Machtergreifung des Militärs

Viel Spaß beim Nachlesen!!

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Vortrag am 14.12.2011: Islamisten im arabischen „Frühling“ Ägyptens: Blumen oder Unkraut?

Am 14.12.2011 wird Walid Abd El Gawad über die Revolution in Ägypten sprechen.

Abstract:
Die ägyptische Revolution wurde von vielenMedien und von den Ägyptern selbst als die „Revolution der Jugend“ bezeichnet. JungeÄgypter gingen auf den Tahrir-Platz, forderten ihre Rechte auf Mitgestaltungder Zukunft ihres Landes ein und stürztendabei gegen alle anfänglich im In- und Ausland herrschenden Einschätzungen und auch gegen die eigenen Erwartungen die 30 Jahre alte Diktatur. Bei ihrem gelungenenAufstand hofften sie, wie ihre Rufe zeigten, in ihrem Land Demokratie,Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit etc. zu säen. Jedoch zeigen dieErgebnisse der ersten Phase der ägyptischen Parlamentswahlen, dassislamistische Kräfte wie die Muslimbrüder und Salafisten große Wahlsiege und damit evtl. die Früchte dieser Revolution ernten.Im Rahmen des Vortags werden die verschiedenen islamistischen Akteure kurzdargestellt und der Versuch unternommen, anhand einer Analyse ihrergeschichtlichen Entwicklung in der ägyptischen Gesellschaft und ihresVerhaltens während und nach der Revolution die Gründe ihres Wahlsieges zuerläutern und Prognosen über die Bedeutung dieses Erfolges für die Zukunft desLandes und der Region zu stellen.
Walid promoviert derzeit zum Thema "Akzeptanz- und Abgrenzungsstrategien im islamischen Diskurs Ägyptens im 20. Jahrhundert" (Arbeitstitel) an der Universität Leipzig.

Samstag, 19. November 2011

Workshop in Leipzig am CAS: Der ‚Arabische Frühling‛ – eine regionale Krise? Akteure, Ursachen und Perspektiven aktueller Umbrüche zwischen Casablanca und Damaskus

Veranstalter:DFG-Graduiertenkolleg 1261 „Bruchzonen der Globalisierung“, Universität Leipzig; SFB 586 „Differenz und Integration“, Universitäten Leipzig und Halle-Wittenberg 
Datum, Ort:29.11.2011, Leipzig, Centre for Area Studies, Thomaskirchhof 20

Die Bezeichnung „Arabischer Frühling“ für die Umbrüche des letzten Jahres in der MENA-Region ist in Europa schnell in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen und lenkt den Blick vor allem auf das regionale Ausmaß der Krise. Die aktuellen Entwicklungen zeigen jedoch, dass die Situationen in den einzelnen Ländern äußerst heterogen sind. Sowohl die Akteure und ihre Forderungen wie auch die Reaktionen der jeweiligen Regime unterscheiden sich teilweise in einem solchen Maß, dass eine regionale Verortung der Krise durchaus als problematisch angesehen werden kann. Gleichzeitig sind auch kontextübergreifende geo-politische und sozio-ökonomische Strukturen globaler Reichweite von Bedeutung, sodass sich auch über die arabische Region hinaus „frühlingshafte“ Bewegungen abzeichnen, die vielmehr auf eine globale Krise hindeuten.
In dem Workshop wird anhand von aktuellen Beispielen aus Tunesien, Algerien, Marokko und Syrien das Spannungsfeld von länderspezifischen Ursachen und Entwicklungen einerseits sowie regionalen Gemeinsamkeiten und globalen Zusammenhängen andererseits beleuchtet. Hierbei wird auf die verschiedenen länderspezifischen Konstellation von Akteuren, den Formen ihres Widerstands und dem Verhalten der staatlichen Autoritäten eingegangen. Übergreifende strukturelle Ursachen der Krise(n) sollen dabei ebenso untersucht werden wie die Frage, warum diese Krise zu diesem spezifischen Zeitpunkt ausgebrochen ist und in welchem Verhältnis sie zu globalen Krisenerfahrungen und Protestbewegungen steht.

14.00 Einführung
14.45 Abdelwahab Ben Hafaiedh (Tunis): Parlamentswahlen in Tunesien – Herausforderungen, Mobilisierung und Netzwerke
15.45 Pause
16.15 Pierre Vermeren (Paris): Der ‚Marokkanische Frühling‛ zwischen einem übermächtigen Staatsapparat und einer verängstigten Gesellschaft
17.15 Larbi Icheboudene (Algier): Soziale Bewegungen und politische Monopole – eine algerische Problematik
18.15 Pause
19.15 Carsten Wieland (Berlin): Vom Damaszener zum ‚Arabischen Frühling‛– Akteure und Entwicklungen auf Syriens blutigem Weg in die Zukunft
20.00 Abschlussdiskussion
Kontakt:Sonja Ganseforth
Orientalisches Institut Leipzig, Schillerstr. 6, 04109 Leipzig
ganseforth@uni-leipzig.de
URL zur Zitation dieses Beitrages http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=17889

Vortrag am 23.11.: Tunesien als islamische Demokratie? Das Denken Rashid al-Ghannushis und die Zeit nach der Revolution

Am 23. November wird der Politik- und Islamwissenschaftler Menno Preuschaft (M.A.) von der Universität Münster einen Vortrag über die politische Situation in Tunesien halten. Der Referent spricht über Rashid al-Ghannushi, den Vorsitzenden der vieldiskutierten Ennahda-Partei. 

 

Zusammenfassung/Abstract
Die Jasmin-Revolution vom Januar 2011 hat die Hoffnung vieler Tunesier auf die Errichtung und Etablierung eines demokratischen Systems in ihrem Land geweckt und mit der Wahl zur verfassungsgebenden Versammlung am 23. Oktober ist ein erster, wichtiger Schritt für die post-revolutionäre Ära des Landes getan. Mit rund 41,5 Prozent hat die “islamistische” Ennahḍa bei den Wahlen die meisten Stimmen auf sich vereinen können und die Berechungen der Prognosen noch übertroffen. Vielen Beobachtern in Europa und den USA, aber auch tunesischen Fürsprechern einer säkularen Staatsordnung bereitet hingegen der Gedanke an regierende Islamisten in dem nordafrikanischen Land Sorgenfalten. Schreckbilder eines Gottesstaats nach iranischem Vorbild, der Beschneidung bürgerlicher Freiheiten und von Frauen- und Minderheitenrechten machen die Runde. Doch wie berechtigt ist diese Sorge mit Blick auf Tunesiens Islamisten? Dieser Frage soll im folgenden Vortrag nachgegangen werden. Hierzu dient es sich m.E. an, sich mit dem politischen Denken der wichtigsten Figurder Ennahḍa, ihrem Vorsitzenden Rāšid al-Ġannūšīs, auseinander zu setzen.

 

Akademischer Werdegang/Academic Profile

ab 2002 Studium der Islamwissenschaft/Arabistik, Politikwissenschaft und Soziologie an der WWU Münster
2008 Abschluss zum Magister Artium, Thema der Magisterarbeit: "Menschen- und Bürgerrechte bei Rasid al Gannusi unter besonderer Berücksichtigung der Nicht-Muslime"
2004-2005 sowie 2006 bis 2008 Studentische Hilfskraft am Centrum für Religiöse Studien (CRS). Lehrstuhl für Religion des Islam

 

Forschungsschwerpunkte/Main Areas of Research:

  • Strategien religiöser Selbstvergewisserung und Gewaltproblematik
  • Reform-Islam im Nahen und Mittleren Osten und Europa
  • Islam und Menschenrechte
  • Voraussetzungen, Möglichkeiten und Chancen des Inter-religiösen Dialogs
  • Migration und Entwicklung
  • Grundlagen, Themen und Initiativen des inner-islamischen Dialogs (insbesondere sunnitisch-schiitisch)
  • Umgang mit religiöser und weltanschaulicher Pluralität von Seiten muslimischer Akteure im Nahen Osten und in Europa

 

Promotionsprojekt/PhD-Project:

"Der Nationale Dialog im Königreich Saudi-Arabien – Eine Analyse des Diskurses zum inner-islamischen und inter-religiösen Dialog" (Arbeitstitel)

 

Publikationen/Publications:

  • (Rezension): Frédéric Volpi (Hrsg.): Political Islam. A critical Reader. Routledge New York 2011, 471 S. ISBN: 978-0-415-56028-3. In: ORIENT. Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur des Orients. Nr.II/2011 (52. Jahrgang). S. 65-67.
  • Die Diaspora als Ressource. Zur Bedeutung der Auslandstürken für die türkische Wirtschaft. In: Hunger, Uwe und Dietrich Thränhardt (Hg.): „Brain Circulation“ – Diaspora als treibende Kraft bei der Entwicklung der Herkunftsländer. Arbeiten aus dem Seminar „Brain Drain und Brain Gain. Migration und Entwicklung“. Münster 2006. S. 49-76.
  • Herausforderung der Gewissheit? Politischer Islam zwischen Absolutheitsanspruch und Toleranz, in: Jürgen Werbick / Muhammad Sven Kalisch / Klaus von Stosch (Hg.), Verwundete Gewissheit. Strategien zum Umgang mit Verunsicherung in Islam und Christentum, Paderborn – München – Wien – Zürich 2010 (Beiträge zur Komparativen Theologie; 1), 189–205.
  • Saudi-Arabien zwischen Islam und Moderne, in: Rüdiger Robert / Daniela Schlicht / Shazia Saleem (Hg.), Kollektive Identitäten im Nahen und Mittleren Osten. Studien zum Verhältnis von Staat und Religion, Münster – New York – München – Berlin (vom Waxmann Verlag angenommen, erscheint in 2010).
  • (Rezension): Ceylan, Rauf. Die Prediger des Islam. Imame – wer sie sind und was sie wirklich wollen. Freiburg i.Br.: Herder 2010. 191 S. pb. Euro 12,90 ISBN 978-3-451-30277-0. In: Theologische Revue 1 (107) 2011, Sp. 73-75.

Dienstag, 15. November 2011

An diesem Mittwoch gibt es bei uns keinen Vortrag, da in Sachsen Feiertag ist.
In der kommenden Woche - am 23.11. - wird der Politik- und Islamwissenschaftler Menno Preuschaft (Universität Münster) im Rahmen unserer Vortragsreihe über Rashid al-Ghannushi sprechen, den Vorsitzenden der vieldiskutierten Partei an-Nahda. Diese "islamistische Bewegung" ist nach den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung am 23.10. mit 41,5 Prozent die stärkste politische Kraft in Tunesien. Was dies jedoch für das Land bedeutet, ist völlig offen und wird derzeit heiß in den Medien diskutiert.
Wir bieten heute eine kleine Auswahl alternativer Medienberichte zu den Wahlergebnissen und den sich daraus ergebenden Möglichkeiten für Tunesien...


qantara berichtet über 'Die ''Ennahda'' und die Herausforderungen der Demokratie'
zenith online fragt ob es 'Eine Wahl wie jede andere' sei
das GIGA analysiert 'De[n] Machtwechsel in Tunesien und politische Reformperspektiven in Nahost'
die SWP konstatiert, dass '
Der Ausgang der Wahlen […] gute Chancen für erfolgreiche Demokratisierung [bietet]'

viel Spaß beim (vor)lesen und bis nächste Woche.
Wenke

Samstag, 12. November 2011

Samstag, 29. Oktober 2011

Rechtliche Veränderungen und Perspektiven nach dem "arabischen Frühling"


In der dritten Vorlesung der Veranstaltungsreihe sprach Prof. Dr. Hans-Georg Ebert über die rechtlichen Veränderungen im Zuge des arabischen Frühlings
Prof. Ebert ging in seinem Vortrag zunächst kurz die Ursachen und Wirkungen des arabischen Frühlings ein, der durch die Selbstverbrennung eines tunesischen Gemüsehändlers am 17.12.2010 seinen Anfang fand und weder institutionell noch dogmatisch bewältigt werden konnte. Nach einer kurzen Erläuterung der traditionellen Teilung des Rechtssystems in der arabischen Welt („westliches Recht“, šarī‛a und Gewohnheitsrecht) erläuterte Prof. Ebert die in Bezug zum westlichen Rechts- und Wertesystem defizitäre Staats- und Rechtsgestaltung in der arabischen Welt, die länderspezifisch unterschiedlich ausgeprägt sind. Problematisch sind nach seinem Dafürhalten beispielsweise die mangelnde Unabhängigkeit der Rechtssprechung, die unterentwickelte Verfassungsgerichtsbarkeit und die wenig ausgeprägte Gewaltenteilung. Ferner fehlt in vielen Ländern ein geeignetes Staatswesen für die Durchsetzung des Rechts; das Gewaltmonopol des Staates greift nur in einzelnen Gebieten, was zu einer starken Fragmentierung der Staaten führt. Dieses Problem ist auf die koloniale Grenzziehung zurückführen, ebenso wie auf den kolonialen Transfer westlicher Gesetzgebung in die arabische Welt, der einen kritischen Punkt darstellt.
Prof. Ebert erläuterte weiter, dass man bislang keinen der arabischen Staaten als rechtsstaatlich bezeichnen kann. Konkrete Forderungen für einen Reformprozess der Rechtssysteme sind im öffentlichen Recht die Beendigung der Clanförderung, modernes Kartellrecht, Arbeitnehmer- und Verbraucherschutz sowie angemessene Parteien- und Wahlgesetze, um nur einige Beispiele zu nennen. Das Strafrecht, das in vielen Ländern noch durch den code pénal aus dem 19. Jh. geprägt ist, muss sowohl im Bereich des Strafvollzugsrechts, als auch beispielsweise bezüglich des politischen Strafrechts verändert werden. Im Privatrecht muss besonders in Richtung der Menschen- und Grundrechte, der Gleichstellung von Religion und Geschlecht gearbeitet werden.
Ganz deutlich arbeitete Prof. Ebert durch seine Darlegungen heraus, dass ein ganzheitlicher Reformansatz notwendig ist, der durch rechtliche Veränderungen einen Rahmen bekommen kann. Dieser langfristige Prozess wird mittelfristig eine instabile Situation mit sich bringen. Als entscheidende Punkte für die notwendigen Transformationen nannte er Transparenz und einen Dialog von Experten auf Augenhöhe, ein Rechtstransfer aus dem Westen darf nur punktuell und spezifisch, nach genauer Berücksichtigung der existierenden Rechtskultur und -geschichte, erfolgen.
In der anschließenden Diskussion wurden Fragen bezüglich den Hindernissen bei der Erreichung dieser Ziele, der möglichen Institutionalisierung des Dialogs zwischen Europa und der arabischen Welt sowie den Auswirkungen von Elitenwechseln in einzelnen Ländern aufgeworfen. Hier konnten noch einige Detailfragen geklärt und vertieft werden.

Samstag, 22. Oktober 2011

Foodwatch-Report

Prof. Gertel verwies in seinem Vortrag am 19.10. auf diese Studie:

http://foodwatch.de/kampagnen__themen/nahrungsmittel_spekulation/report_die_hungermacher/index_ger.html

Hier noch ein Artikel dazu:

http://www.zeit.de/2011/43/Foodwatch-Report

Zum Start der Ringvorlesung über den Arabischen Frühling


Am Abend des 12. Oktober fand der Auftakt zu einer Ringvorlesung über den arabischen Frühling statt. Die Veranstaltung kann als voller Erfolg gewertet werden! Denn nicht nur war der Hörsaal 11 mit rund 100 Gästen fast voll besetzt – der Doktorand Mohammad Magout lieferte mit einer Analyse der politischen Situation in seinem Heimatland Syrien einen spannenden und informativen ersten Beitrag für die Ringvorlesung.

Nach einem Abriss der Geschichte der syrischen Politik der letzten Jahrzehnte und einer Analyse der Propaganda des herrschenden Regimes kam Mohammad auf die Rolle zu sprechen, die Zwang und Ideologie bei der Entmündigung der Bevölkerung spielen. Er findet, dass die Absurdität der propagandistischen Slogans („Baschar al-Assad ist unsterblich! Syrien ist al-Assad!“) der Bevölkerung bewusst sei und gerade dadurch – und nicht etwa trotzdem – ihre Entmündigung verstärkt werde – eine These, die sicherlich der genaueren Prüfung und kulturtheoretischen Begründung bedarf.
Besonders spannend wurde es in den Momenten, in denen Mohammad Ausschnitte aus dem Protestmilieu zeigte und sogar von seiner eigenen politischen Entwicklung als Syrer berichtete, die mit dem Einmarsch der Koalitionstruppen in den Irak im Jahr 2003 begann.
Mohammad traf mit seinen Überlegungen auf ein buntes und sehr aufmerksames Publikum, das zeigte sich auch bei der anschließenden Diskussion, bei der er Fragenbeantwortete. Dabei wurde der Blick noch einmal vertieft, aber auch erweitert: Welche Rolle spielen andere Länder in der ungewissen Zukunft Syriens? Könnte die Entwicklung in Richtung eines zweiten Libyen verlaufen? Mohammad ist skeptisch: Syrien verfügt über kein Öl, im UN-Sicherheitsrat besteht Uneinigkeit und die USA sind zu geschwächt, um nochmals eine Initiative wie in Libyen zu leisten. 
Tom Kaden

Dienstag, 18. Oktober 2011

DOK Leipzig-Veranstaltungen


Freitag-Salon: Arab Spring — Reality of a Revolution

http://www.dok-leipzig.de/freitag-salon 

Friday, 21 October 2011, 19:30 – 21:00, Zeitgeschichtliches Forum Leipzig

2011 is the year of the revolution in the Arab world. First Tunisia drove out its long-standing ruler, Ben Ali, and then Egypt toppled the Mubarak dictatorship. The fire of revolution subsequently spread through Libya, while in Syria and Yemen the fight against the ruling regimes continues on, though the conclusion is far from certain. The focus on the Arab world in DOK Festival's International Programme follows recent pressing events, and many of the films were created under difficult conditions. Among the questions that will be explored during the panel discussion: How important is the media as an amplifier of protests? Is there a protest aesthetic that unifies the movements in Arab countries? What role will the former opposition movements now play?

HOST:
Jakob Augstein



Following the discussion, ARTE presents an in-depth cross-media platform on the subject of the Arab democracy movements: "The Arab world in Revolution(s)".

In addition to the numerous video portraits in the "Generation Revolution" series of online documentaries, there is much more content to discover in Journal 2.0: a blog about the elections in Tunisia, interviews with experts, newspaper cartoons, a focus on Arab cinema, in-depth dossiers on individual countries and much more.
www.arte.tv/arabworld

Entrance free!
The panel discussion will be held in English with German translation.




Film: Tahrir 2011
R.: Tamer Ezzat, AytenAmin, Amr Salama
http://www.dok-leipzig.de/Tahrir2011


Drei ägyptische Regisseure über den Umsturz: Menschen auf dem Platz, die innere Welt des Sicherheitsapparates und zehn Regeln, um ein Diktator zu werden. Leben und Sterben eines Regimes. 
 
Do 20.11.2011, 22.15, CineStar 6
Sa 22.10.2011, 16.30, Universum

 


Film: I Am in the Square
R.: Olfat Osman
http://www.dok-leipzig.de/IamintheSquare

Das Bild eines wahren Volksaufstandes, mitten auf dem Tahrir-Platz, vom Beginn des Umbruchs im März bis in den August. Stimmen die bisher noch nicht gehört wurden.

Sa 22.10.2011, 19.30, Wintergarten

Freitag, 14. Oktober 2011

Hunger und Protest


Nach dem sehr spannenden und erfolgreichen Eröffnungsabend unserer Vorlesungsreihe wird am19.10.2011 Prof. Dr. Jörg Gertel zum Thema Hunger und Protest sprechen. Zentral steht hier die Frage: Wie stehen die Brüche in der arabisch-islamischen Welt mit globalen Nahrungskrisen in Zusammenhang? Oder konkret: Welche Auswirkungen haben steigende Nahrungspreise auf die Stabilität autoritärer Regime?

Als Hintergrundinformation für denVortrag ein Exzerpt des Artikels: JörgGertel: Dimension und Dynamik globalisierter Nahrungskrisen, in: GeographischeRundschau 12/2010, S. 4-11.
Obwohl gerade urbaner Hungerpolitische Legitimationsprobleme offenbart und seine Vermeidung eine Prioritätfür Regierungen darstellt, breitet er sich aus. Denn die Stabilität der globalen Nahrungssicherheit wird zunehmend durch internationale Preisbildungsprozesse und lokale Kaufkraftentwicklungen beeinflusst. Wenige Ereignisse an weitentfernten Stellen im globalen Nahrungssystem können dramatische, strukturell wirksame Auswirkungen an anderen Stellen hervorbringen. Handlungen an weit entfernten Orten wirken immer stärker zusammen und zugleich fallen diegesellschaftlichen Verantwortungen räumlich und sozial auseinander. Besonders drei Kausalitäten bedingen globalisierte Nahrungskrisen: Produktionsprobleme, Markt- und Zugangsprobleme und Verantwortungsprobleme sowie Interventionsversagen.Vor allem der letzte Faktor – unzulängliche oder ausbleibende Interventionen – steht oft in Zusammenhang mit restriktiven politischen Regimen, ist jedoch auch als Konsequenz problematischer entwicklungspolitischer Interventionen zuverstehen, die lokale Strategien der Existenzsicherung untergraben.

Akademischer Werdegang/Academic profile

  • Studium der Geographie, Islamwissenschaft und Ethnologie in Marburg, Freiburg und Damaskus
  • 1991 Promotion in Freiburg (Krisenherd Khartoum)
  • 1998 Habilitation in Freiburg (Nahrungssicherung in Kairo)
  • Mehrjährige Forschungsaufenthalte im Sudan (1986/87), Ägypten (1991-1994), den USA (1996) und Neuseeland (2003; 2009/10)
  • Gastprofessor am Middle East Center der University of Washington, USA (1998)
  • seit 1999 Professor am Orientalischen Institut, Universität Leipzig
  • Sprecher und Projektleiter im Sonderforschungsbereich "Differenz und Integration" (www.nomadsed.de)
  • Vorstandsmitglied im Graduiertenkolleg "Bruchzonen der Globalisierung" (www.uni-leipzig.de/zhs/promo/)
  • Vorstandsmitglied im Promotionsstudiengang "Transnationalisierung und Regionalisierung" (www.uni-leipzig.de/zhs/promo/)
Forschungsschwerpunkte/Main Areas of Research
  • Wirtschaft und Wirtschaftsgeschichte im Vorderen Orient
  • Sozialgeographie und Gesellschaftstheorie im Vorderen Orient
Publikationen (Auswahl)/Publications (selection)
  • Gertel, Jörg / Breuer, Ingo: Pastoral Morocco. Globalizing Scapes of Mobility and Insecurity, Reichert Verlag 2007
  • Gertel, Jörg: Globalisierte Nahrungskrisen. Bruchzone Kairo. Transcript Verlag 2010.
  • Gertel, Jörg / Breuer, Ingo (Hrsg.): Alltags-Mobilitäten: Aufbruch marokkanischer Lebenswelten, (forthcoming) Transcript Verlag, 2011.
  • Gertel, Jörg / Le Heron, Richard (eds.): Economic Spaces of Pastoral Production and Commodity Systems, (forthcoming) Ashgate 2011.
  • Gertel, Jörg: Dimension und Dynamik globalisierter Nahrungskrisen, in: Geographische Rundschau 12, 2010. S. 4-11.
  • Gertel, Jörg: „Urbane Nahrungskrise: Kairo – Gefährdung und Widerstand“ in: Geographische Rundschau 12, 2010. S. 20-26.
  • Gertel, Jörg (mit A. Gruschke & I. Breuer): Regionalisierung und Urbanisierung in Osttibet, in: Internationales Asienforum 40, 2009, 1-2, S. 119-141.
  • Gertel, Jörg (mit Ingo Breuer): Neue Unsicherheiten am Rande der Sahara: Regionalisierung und soziale Polarisierung in Marokko, in: Nova Acta Leopoldina NF 108, 373, 2009, S. 193-206.
  • Gertel, Jörg: Market Spaces: Merchants Battle the Economic Narratives of Development Ex­perts, in: Diane Singerman (Hg.), Cairo Contested, Governance, Urban Space, and Global Modernity, AUC Press, Cairo 2009, S. 371-392.